Essen und Heimat – Was ist Heimat?

Was ist Heimat?

Bereits im letzten Jahr war ich auf zwei Veranstaltungen des Finnland Instituts und wurde immer positiv überrascht. Als ich dann die Einladung zu einem Abendessen mit dem Thema „Wild food. Esskulturen und Heim/at“ erhielt, war ich mehr als gespannt. Heimat ist ja sowieso ein schwieriges Thema und taucht schon seit einiger Zeit häufig in den Medien auf. Was ist Heimat überhaupt? Wie definiert sich Heimat? Wo bin ich beheimatet? Und natürlich ist Essen auch ein ganz wichtiger Teil von Heimat.

Für die Finnen ist das Thema in diesem Jahr besonders spannend, Finnland feiert nämlich 2017 seine hundertjährige Unabhängigkeit. An meinem Geburtstag, dem 6. Dezember. Wenn das kein Zufall ist!

Finnische Küche

Fichtentriebe, gesalzenes Elchfleisch, Meerrettichcreme, Brot und ein finnischer Gin mit Biene
Fichtentriebe, gesalzenes Elchfleisch, Meerrettichcreme, Brot und ein finnischer Gin mit Biene

Ich war noch nie in Finnland, war aber tatsächlich schon immer von der Sprache fasziniert. Finnisch ist nämlich keine indogermanische Sprache, sondern ist eher mit dem Ungarischen und dem Estnischen verwandt. Im Finnischen werden ganz viele Dinge durch das Anhängen von Wortteilen ausgedrückt (das ist ähnlich wie im Türkischen) und im Geschriebenen gibt es so krasse Doppelkonsonanten und doppelte Ypsilons. Außerdem gibt es eine Vokalharmonie (auch ähnlich wie im Türkischen), sodass bestimmte Vokale nicht im gleichen Wort auftauchen können. Das find ich cool.

Schön, dass wir mal drüber gesprochen haben. Ich wollte doch eigentlich zum Essen. Während ich auch durch mein Studium viel über Sprachen weiß, wusste ich gar nichts über die finnische Küche. Überhaupt war ich höchstens mal in Schweden (da war ich ganz klein – und bei IKEA) und in Dänemark (da war ich Betreuerin bei einem Fußballturnier, wir haben Massenverpflegung bekommen). Mit Norgwegen verbinde ich höchstens Lachs und mit Finnland …?

Höchste Zeit also, mal echte finnische Küche zu probieren. Jyrki Tsutunen heißt der Mann, der den Abend im Finnland Institut kulinarisch gestaltet hat. Zusammen mit Jaakko Blomberg arbeitet er daran, die finnische Küche in die Welt zu bringen. Sie sehen sich als „Ambassadors of Food„. Und weil man sich in Finnland gerne mal duzt, war unser Koch der Jyrki und der Produzent der Jaakko. Durch den Abend geführt hat uns Laura Hirvi (die Laura) vom Finnland Institut. Mit dabei war außerdem Claudia Banz vom Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg (mehr dazu weiter unten).

Finnisches Abendessen: Wild food

Fermentierte Weidenröschen, marinierte Löwenzahnknospen, Ziegenkäsecreme, gesalzene Zitrone
Fermentierte Weidenröschen, marinierte Löwenzahnknospen, Ziegenkäsecreme, gesalzene Zitrone

Wenn man ohne Begleitung zu einer Veranstaltung geht, kann das Angst machen. Mir zumindest. Ich gehe nämlich gern auf Nummer Sicher. Dabei bin ich gar nicht mal unbedingt schüchtern, aber mir ist es trotzdem lieber, wenn ich im Zweifelsfall weiß, mit wem ich mich unterhalten kann.

Ich hatte aber Glück und saß in der Nähe von zwei reizenden Finninnen, neben mir der deutsche Freund der einen. Sie haben mich perfekt informiert und mich ein bisschen mit nach Finnland und in die finnische Kultur genommen.

Auf der anderen Seite saß ein Grafiker, der lustigerweise – genau wie ich – ursprünglich aus Gelsenkirchen kommt.

Gelangweilt habe ich mich also nicht und eine peinliche Stille kam auch nicht auf. Danke euch allen!

Essen und Heimat

Frittierte Hausgrillen, Isländisches Moos, Preiselbeersoße
Frittierte Hausgrillen, Isländisches Moos, Preiselbeersoße

Schon im letzten Jahr wurden Essen und Heimat – oder eher: Essen und Kindheit – miteinander verknüpft, als ich im Alpro-Workshop beim Food Blog Day war. Wir haben über kulinarische Kindheitserinnerungen gesprochen (mehr davon im Artikel über überbackenen Toast) und irgendwie wurde das auch beim Wild-Food-Abend immer wieder Thema. Ich verbinde mit Heimat ja auch irgendwie ein bisschen das Ernten im eigenen Garten: Kartoffeln (die einzigen Kartoffeln, die ich als Kind gegessen habe!), Walderbeeren, Rhabarber, Johannisbeeren … In Finnland ist diese Naturnähe vielerorts aber noch stärker ausgeprägt.

Viele haben erzählt, dass sie teilweise komplette Mahlzeiten nur aus selbstgesammelten und selbstgefangenen Lebensmitteln gegessen haben. Finnische Kinder pflücken Blaubeeren und Moltebeeren und Papa oder Opa bringen frisch geangelte Fische oder selbst geschossene Elche. Es wird nur das aus der Natur genommen, was man konkret braucht und gerade in ländlichen Bereichen wenig im Supermarkt gekauft.

Hier in Berlin ja gar nicht vorstellbar, auch wenn Urban Gardening, lokale Produkte und Foodsharing immer bekannter werden.

Food Revolution 5.0

Wer sich für aktuelle Tendenzen im Lebensmittelbereich und einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft interessiert, kann ab dem 19.05.2017 in Hamburg im Museum für Kunst und Gewerbe die Ausstellung Food Revolution 5.0 erleben. 30 Designer befassen sich mit den Themen Farm, Markt, Küche und Tisch und zeigen uns ihre Visionen des Essens der Zukunft.

Kaltgeräucherter Hecht, Blumenkohlpüree, Apfelsalat
Kaltgeräucherter Hecht, Blumenkohlpüree, Apfelsalat

Und so hat auch Jyrki diverse Dinge gesammelt, die uns kredenzt wurden. Fichtentriebe, Löwenzahnknospen, Moos, Beeren und Kiefernzapfen. Teils fiel es auch den Finnen schwer, hier ihre Heimat wiederzufinden, denn alltäglich sind die servierten Gerichte auch in Finnland nicht. Aber sie erinnern an Natur und Wald – und damit sind viele Finnen tief verbunden, habe ich das Gefühl.

„Heimat ist, was meine Mutter kocht. Egal, wo.“

Laura Hirvi, Leiterin des Finnland-Instituts

Und wenn man mit so viel Heimat konfrontiert wird, stellt sich unweigerlich die Frage: Was ist für mich Heimat und wo bin ich beheimatet? Wird Heimat vielleicht erst dann wirklich deutlich, wenn man nicht mehr dort ist?

Und inwiefern fühle ich mich als Welternbürgerin, als Europäerin, als Deutsche, als Berlinerin, als Münsterländerin oder als Ruhrpottkind? Was prägt uns eigentlich wie?

Geboren in Gelsenkirchen, aufgewachsen nahe Münster …

Spargelrisotto, Blaubeersoße, Brennesselcreme
Spargelrisotto, Blaubeersoße, Brennesselcreme

Ich wurde in Gelsenkirchen geboren, habe wenige Jahre dort gelebt, aber durch meine Großeltern (beiderseits) in meiner Kindheit viel Zeit in Gelsenkirchen verbracht. Allerdings kenne ich nicht viele Ecken der Stadt (vor allem die Straßen, in denen meine Großeltern leben oder gelebt haben – und die Gegend rund ums Stadion). Ich bin keine Gelsenkirchenerin. Aber wenn ich – wie im Finnland Institut – jemanden aus der Region treffe, gibt es doch so eine unterschwellige Verbundenheit zur Region.

Aufgewachsen bin ich im Münsterland und in Münster zur Schule gegangen. Meine Eltern wohnen nach wie vor im gleichen Haus und wenn ich sie besuche, komme ich immer auch ein bisschen nach Hause. Auch wenn mein Kinderzimmer nicht mehr ganz so existiert, wie es war (aber ich nutze es ja auch nicht mehr). Aber ich habe keine engen Freunde dort, höchstens Bekannte. Ich weiß auch nicht, inwiefern ich mich mit dem Ort oder der Region verbunden fühle … aber wenn jetzt unsere erste Mannschaft (ja, unsere) in die Landesliga aufsteigen wird, freue ich mich trotzdem. Bin ich Altenbergerin?

Studium in Osnabrück, derzeit in Berlin

Sanddornmousse, marinierte Möhre, Möhrengranita
Sanddornmousse, marinierte Möhre, Möhrengranita

Fünf Jahre meines Lebens habe ich in Osnabrück verbracht. Dort habe ich studiert, meinen Mann kennengelernt. Meine Schwiegereltern und meine Schwestern wohnen dort. Aber das wars auch schon.

Nun wohne ich seit mehr als vier Jahren in Berlin. Berlin ist nicht die Stadt, in der ich immer schon wohnen wollte. Es hat sich einfach so ergeben. Ich mag vieles an Berlin, mag aber viel mehr Dinge nicht. Berlin ist sowieso sehr heterogen – Berlinerin werde ich mich in den Augen „echter“ Berliner sowieso nie nennen dürfen. Aber ich glaube, ich fühle mich auch gar nicht danach.

Was bin ich dann? Bin ich einfach Deutsche? Aber inwiefern fühlt man sich überhaupt deutsch, wenn man in Deutschland ist? Na ja … in einigen Ecken Berlins fühle ich mich vergleichsweise ziemlich deutsch. Und im Urlaub immer dann, wenn alle bei Rot über die Ampel gehen, nur ich es nicht über mich bringen kann. Bin ich im Ausland deutscher als Zuhause?

Bin ich Europäerin? Da ich nie deutlich außerhalb Europas war (2010 war ich für ein paar Wochen in der Türkei, auch im Osten), ist das nichts, womit ich mich bislang gesteigert identifiziert habe. Weltenbürgerin? Na komm, dann brauchen wir auch gar keine Kategorisierung. Aber wenn Außerirdische kommen, hilft mir das vielleicht.

Wo ist meine Heimat?

Kiefer-Pannacotta, marinierte Kiefernzapfen
Kiefer-Pannacotta, marinierte Kiefernzapfen

Während klar war, dass die Finnen Finnen sind und Finnland ihre Heimat ist, gab es aber auch da „Beef“ zwischen Nord und Süd und zwischen Helsinki und dem Rest. Finnland ist halt auch nicht gleich Finnland. Und das Münsterland ist nicht Berlin oder Bayern. Aber diese Unterschiede erkennt man eher von innen heraus als von außen.

Vielleicht ist Heimat tatsächlich wandelbar? Gar nicht nur an Orte, sondern an Menschen und Gefühle geknüpft? Vielleicht kann meine Heimat immer dort sein, woran mich etwas bindet …

Vielleicht reicht mir das für den Moment.

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2 Gedanken zu “Essen und Heimat – Was ist Heimat?

  1. Ich habe mich im Studium mit dem Begriff „Zuhause“ noch schwerer getan als mit „Heimat“. Ich bin in der Region Fulda/Rhön aufgewachsen, weswegen das klar meine Heimat ist. „Ich war am Wochenende zuhause“ ist da zweideutiger: Seit 6,5 Jahren wohne ich in der Region Stuttgart. Mein Freund kommt auch von dort. Zuhause meint meine eigene Wohnung und mein Elternhaus.

    Wohl fühle ich mich aber überall, wo ich eine Matratze und was zu lesen habe. Leider werde ich nie einen Ort haben, wo ich sagen kann „XXX kenne ich schon seit dem Kindergarten!“, weil ich dafür zu nomadisch gelebt habe.

    Liebe Grüße
    Jenny

    1. Oje … ja, „Zuhause“ ist auch noch so ein Punkt. Der ist bei mir mittlerweile eindeutig geklärt, war aber im Studium tatsächlich auch zwiespältig.
      Einige Orte kenne ich tatsächlich seit dem Kindergarten – und wenn ich so durch den Ort streife, in dem meine Eltern wohnen, kommen an einigen Stellen wirklich Erinnerungen hoch. Nur die Leute … die sind nicht mehr da.
      Liebe Grüße

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